Auf der langen Autofahrt mit seinem Sohn zu der Beerdigung Gerd Reutters Bruder Paulo Reutter kam das Gespräch immer wieder auf: “Wann machst Du deine nächste Kunst?“.
Gerd Reutters Kunst entsteht in seinen Gedanken und wird in seinem Kopf zu einem fertigen Werk. Die körperliche Arbeit mit Ton wie auch das Brennen fallen dem Künstler in den letzten Jahren immer schwerer. Trotzdem beschäftigt sich der Künstler immer wieder mit Themen und Ideen für die Umsetzung einer neuen Arbeit. Aus schamottiertem Ton geformt, soll die Arbeit eine zerklüftete, zertrümmerte Oberfläche zeigen. Der gebrannte Ton mit seiner porösen, rissigen Struktur soll eine Landschaft unter Druck darstellen – eine Erde, die von Eingriffen und Ausbeutung gezeichnet ist. Die zwei Seiten des Fortschrittes! Zwei Mal machte er sich daran, die Arbeit umzusetzen, aber nie war er mit dem Ergebnis zufrieden und zerstörte die jeweilige Ausführung. Bei einem weiteren Versuch bringt er den Gedanken -augenscheinlicher mit hinein: die sichtbaren Spuren der Zerstörungen. Sie weisen nicht nur auf die Folgen der modernen Entwicklung und die daraus entstehenden Schattenseiten hin - den Preis, den Natur und Mensch für den vermeidlichen Fortschritt bezahlen. Sondern auch auf die menschliche Selbstzerstörung durch Krieg. Der immer wiederkehrenden Gewalt als Bestandteil des modernen Fortschrittes. Landschaften die durch gegenwärtige Konflikte dauerhaft verändert oder unbewohnbar geworden sind.
In der Tradition der keramischen Skulptur, wie sie im 20. Jahrhundert als eigenständiges Ausdrucksmittel etabliert wurde, nutzt er die Eigenschaften des schamottierten Tons. Das Material ermöglicht eine Brüchigkeit, rissige Oberfläche und sichtbare Materialspannung, deren Erscheinung an zerstörte Landschaften, Trümmerfelder und von Kriegen gezeichnete Infrastrukturen erinnern. Die sichtbaren Brüche und Risse sowie die blau engobierten Klumpen -die auf zerstörte Drohnen weisen – werden als bedeutungstragende Formelemente eingesetzt.
Die Arbeit macht sichtbar, dass die Versprechen des Fortschritts auch in der Gegenwart untrennbar mit der Möglichkeit von Gewalt und Zerstörung verbunden bleiben. Die Skulptur positioniert sich innerhalb eines zeitgenössischen Diskurses, der die Fortschrittserzählungen der Moderne kritisch hinterfragt und die Rolle von Krieg als Bestandteil dieser Entwicklung thematisiert. Die Skulptur FORTSCHRITT lässt sich als zeitgenössisches Mahnmal betrachten, das den Fortschrittsbegriff im Angesicht gegenwärtiger militärischer Konflikte kritisch reflektiert.
Dr. Christine Schumann